Geoffrey F. Abert sagte einmal: "Prosperity depends more on wanting what you have than having what you want." und bezog damit den Begriff des Vermögens auf die Gefühls- und Einstellungsebene. Während es natürlich viele Argumente für das Individuum gibt, sich darauf zu bescheiden, was es besitzt, und sicherlich auch, den Begriff des Vermögens auf das zu beziehen, was es "vermag" anstelle dessen, was es besitzt, kennt die Volkswirtschaftslehre hier andere Metriken.
Eine der Maßgrößen, die zu Unrecht aus dem Gesichtsfeld der Öffentlichkeit verschwunden ist, ist der Gini-Koeffizient. Er mißt die Ungleichverteilung des Einkommens in einer Gesellschaft. Er ist nach einer Daumenregel auch ein Instrument, um zu erkennen, ab wann ein Sozialwesen sich von einem ruhigen Wasser zu einem mächtigen und brodelnden, nicht mehr beherrschbaren Strudel verwandelt - hier ist allerdings Vorsicht nötig, denn auch hohe Einkommensunterschiede können auf hohem Niveau stattfinden und daher gesellschaftlich unkritisch sein.
Beispiele für extreme Ungleichverteilung sind, beziehungsweise waren Länder wie Mexiko (0,546 in 2000) oder die Türkei (0,7 in 1993). Uruguay, um ein aktuelles Beispiel zu wählen hat den gegenläufigen Weg eingeschlagen und hat sich mittlerweile im Mittelfeld, mit einem Gini-Index von 0,4 und einer guten Tendenz zu weiterer Gleichverteilung.
Deutschland hatte im Jahre 2005 einen Gini-Koeffizient von etwa 0,3, was ein guter und vernünftiger Wert ist, wenn man das Ziel hat, eine grundsätzlich ruhige und unaufgeregte Sozialstruktur zu untertützen. Seit damals ist allerdings die Entwicklung deutlich in eine andere Richtung gelenkt worden und die OECD konstatiert für Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre eine überdurchschnittliche Zunahme der Ungleichverteilung als in anderen OECD-Staaten.
Warum ist das wichtig?
Zum Einen ist der Sozialfrieden potentiell gefährdet, wenn der Gini-Koeffizient zu stark steigt. Zum Anderen ist diese Gefährdung des Sozialfriedens aber eine sehr abstrakte Vorstellung, wir können heute in Athen, also mittten im Europa, auf den Straßen die Auswirkungen sehen, wenn Menschen ohne die Möglichkeit eines Auswegs aus dem Prekariat sich selbst oder Andere zu töten versuchen.
Auch die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, sich zu stärken und täglich schöpferisch zu erneuern, sinkt mit einer Ungleichverteilung, da der Anreiz für die Anstrengung zum Streben nach Verbesserung der individuellen Situation nicht gegeben ist. Ein typischer Auswuchs dieser Ausweglosigkeit ist zum Beispiel in den endlosen "Internships" (kostenlosen Praktika) für Universitätsabgänger oder über 40-Jährige in den Vereinigten Staaten zu sehen. Menschen, die dringend arbeiten wollen, denen aber niemand eine bezahlte Stelle anbietet. Man kann ähnliche Tendenzen auch in Deutschland erkennen: Die Sub-Sub-Sub-Unternehmer von Logistikdienstleistern wie zum Beispiel Hermes, deren Wochenüberschuß sich auf wenige Euro beläuft, obwohl sie deutlich über 40 Stunden arbeiten, sind fernsehbekannt geworden.
Nun könnte man annehmen, der Grund für einen hohen Gini-Koeffizient läge in der Arbeitslosigkeit. Dies ist allerdings ein fragwürdige Interpretation, wenn man sich Deutschland genauer betrachtet: Die deutschen Politiker zeigen deutlichen Stolz, wenn es um die Präsentation der Beschäftigungszahlen in Deutschland geht, dennoch steigt der Gini-Koeffizient.
Auch die Veränderungen der Altersstruktur der Bevölkerung können zu einem Ansteigen der Ungleichverteilung von Einkommen (also Ersatz von Arbeitseinkommen durch niedrigere Sozialversicherungsrenten) führen - die Vorstellung, ein Gini-Koeffizient von 0,5 führe automatisch zu Revolutionen ist also falsch.
Der Sachverständigenrat kam 2009/10 in seiner Analyse der Einkommens- und Vermögensverteilung zu der Erkenntnis, daß das Beharrungsvermögen an den Rändern der Einkommensverteilung in Deutschland hoch ist, oder anders ausgedrückt: Wer einmal im Dreck liegt, kommt nie wieder hoch.
Er kam auch zu der Erkenntnis, dass die Ungleichverteilung vor Steuern und Transfers sogar mit 0,51 über dem Durchschnitt der OECD-Länder liegt (höher lagen nur noch Italien und Portugal), nach Berücksichtigung der Transfers aber auf Durchschnittsnieveau lag. Das bedeutet, daß nur durch massive Umverteilung durch den Staat (und dies beinhaltet auch die Umverteilung vom produktiven Bevölkerungsteil auf den Verwaltenden, also staatliche Stellen selbst) ein erträgliche Situation erhalten wird.
Neben der Einkommensverteilung ist auch die Vermögensverteilung ein wichtiger Indikator. Hier kann der Trend zur Ungleichverteilung ebenfalls vermutet werden: Die Finanzkrise hat zu einer Vernichtung von individuellen Vermögen geführt, die zumindest die Geldvermögensverteilung stark verändert hat. Im Jahre 2007 verfügten die 10 reichsten Prozent der Bevölkerung über mehr als 60% des gesamten Vermögens, während die unteren 60% über kein Vermögen verfügten oder Schulden hatten. Bereits der Vergleich vor der Finanzkrise, also zwischen 2002 und 2007 zeigt einen Ansteig der Umverteilung - der Effekt der Finanzkrise ist umso drastischer.
Die USA haben laut OECD-Zahlen (2011) hier keinen Vorbildcharakter: Am Ende der "Armutsliste" (im Sinne von Armutsvermeidung und Ungleichverteilung) steht die USA am Ende, gemeinsam mit der Türkei und Mexiko. Über 17% der Menschen müssen mit weniger als der Hälfte des Medianeinkommens ihren Lebensunterhalt bestreiten.
(Quellen: Wikipedia, OECD, Bertelsmann-Stiftung, CIA World Factbook)